Liebe Leserinnen, liebe Leser
Diese Woche gibt es wieder eine kleine Zen-Geschichte. Ich hoffe, der Beitrag regt zum Nachdenken an, viel Vergnügen.
Eines Tages besucht ein hochdekorierter Professor einen Zen Meister. Als er beim Meister angekommen ist, beginnt er sogleich alles was er über Zen weiß vorzutragen. Als er alles gesagt hat, und dem Meister Fragen stellen will, unterbricht ihn dieser und sagt: «Zuerst werde ich uns einen Tee machen.».Der Meister steht auf und holt eine Kanne Tee. Er beginnt dem Professor Tee in dessen Tasse zu gießen. Als diese aber bereits voll ist, gießt er einfach weiter ein. Die Tasse überläuft und füllt den Unterteller, bis dieser auch überläuft und sich der Tee auf dem Tisch auszubreiten beginnt.
Nun kann sich der Professor nicht mehr zurückhalten und ruft: «Du Narr, was tust du? Die Tasse ist doch schon voll, es hat nichts mehr Platz! ».
Der Meister lächelt nur und antwortet: «Wie diese Tasse bist auch du überfüllt von deinen Meinungen und Spekulationen. Wie soll ich dir etwas über Zen beibringen, wenn du nicht zuerst deine Tasse leerst? ».
Quelle: Internet
Der Meister in dieser kleinen Geschichte lässt den gebildeten Professor eiskalt auflaufen.
Er sagt ihm er müsse seine Tasse leeren, er versucht erst gar nicht ihn zu belehren. Weil er weiß, dass der Professor sich seine Meinung längst durch die Bücher gebildet hat. Der Professor muss bereit sein, sein vorgefasstes Bild, sein ganzes Wissen aus seinen jahrelangen Studien loszulassen. Bevor ihm dies nicht gelingt, kann er vom Meister nichts Neues lernen.

Auch diese Erzählung ist wieder sehr symbolisch und hat viele verschiedene Ebenen und es gibt viele Möglichkeiten der Deutung. Das ist es auch, was ich an diesen Geschichten so besonders mag.
Aus meiner Sicht sind solche Geschichten nie wörtlich zu nehmen. Wörtlich genommen ist sie sogar ziemlicher Unfug. Natürlich ist Wissen per se nichts Schlechtes und es ergibt durchaus Sinn sich ab und an in einem bestimmten Gebiet solches anzueignen. Jeder von uns hat schon solche Erfahrungen gemacht.
Daher will ich versuchen eine solche symbolische Ebene zu öffnen.
Der Professor selbst ist wohl recht verkopft und glaubt jedes Thema durchdringen zu können, wenn er nur genügend Zeit damit verbringt alles darüber zu lesen. Sein Wissen aber ist schon vorgefertigt, es entstammt nicht seiner eigenen inneren Erfahrung, sondern kommt von außen.
Der Professor und sein Wissen stehen ein «Vor – urteil». Er erschließt sich das Thema rein durch den Intellekt und versucht dem Meister auch gleich zu präsentieren, was er alles weiß. Seine Tasse ist bereits randvoll, aber nicht mit selbst erlebtem, sondern mit den Eindrücken anderer.
Der Meister erkennt, als der Professor all sein Bücherwissen vor ihm ausbreitet, dass es keinen Sinn ergeben würde, ihm etwas Anderes zu erzählen. Und so versucht er erst gar nicht dem Professor seine Sicht auf den Zen darzulegen.
Zen könnte man hier durchaus auch als Symbol für das Leben als solches sehen.
Er lässt ihn gewähren, weil er weiß, dass seine Mühe vergebens wäre. Stattdessen sagt er ihm nur, er müsse zuerst seine Tasse leeren. Also sein Gefäß leer machen. Die Tasse interpretiere ich als den Geist. (Gemeint ist weder die Psyche nach moderner Lesart, noch der Intellekt!).
Was noch fehlt ist die Figur des Meisters, er repräsentiert die Weisheit, wobei anzufügen ist, dass Weisheit nicht gleich Wissen ist.
Bestimmt hat der Meister auch Bücher studiert, aber er versteht es seinen Geist leerzumachen, um unvoreingenommen und mit offenem Herzen in eine Begegnung zu gehen.
Sicher das ist eine grosse Herausforderung, gerade heutzutage. Wir sind es uns heute gewohnt «Information», also Wissen, ständig in Form unseren digitalen Helferlein bei uns zu haben. Nicht nur das, wir werden quasi dauerhaft berieselt und berieseln uns dauerhaft selbst.
Immer weniger Erfahrungen machen wir direkt, sondern wir haben durch Social-Media und das Internet überhaupt, die Möglichkeit an allen nur denkbaren Erfahrungen teilzuhaben, zumindest digital.
So haben wir über alles Mögliche schnell eine Meinung, ohne dabei über fundierte Erfahrungen zu verfügen.
Einen geradezu katalytischen Effekt haben da die Echokammern, in welchen wir uns teilweise aufhalten. Unsere Tassen sind also nicht nur permanent gut gefüllt, sie sind oftmals auch noch mit immer dem Gleichen gefüllt.
Es müsste also heute anstelle von: «Hast du noch alle Tassen im Schrank? » eher: «Sind deine Tassen wieder alle voll? » heissen.
Wobei das früher vor dem Internet, einige werden sich erinnern, nicht zwingend anders war. Aber die Geschwindigkeit mit welcher leere Tassen gefüllt wurden war vielleicht eine andere. So grossartig die Möglichkeiten auch sind an den Erfahrungen anderer Menschen zu partizipieren, so gross ist doch auch das Risiko sich in dieser Welt der Möglichkeiten zu verlieren und etwas ganz Wesentliches dabei zu vergessen: Eigene Erfahrungen zu machen, seien dies analoge, oder digitale. Ich möchte hier nicht werten, zu individuell scheinen mir die Bedürfnisse der Menschen.

Es geht um das Loslassen von alten Glaubenssätzen und das ist wirklich schwierig und harte Arbeit. Es bedarf einer gehörigen Portion Demut und der Fähigkeit sich selbst und damit sein handeln, denken und fühlen zu reflektieren. Oft wehrt sich unser Ego massiv gegen derartige Vorhaben, insbesondere am Anfang eines solchen Bewusstseinswandels. Denn es sieht seinen Einfluss bedroht. So geht es auch nur in kleinen Schritten voran, aber schon nur zu merken, dass man in einer Situation wieder durch seine vorgefertigte Meinung beeinflusst wird, ist ein Erfolg!
Über dem Apollotempel im Delphi prangte die Inschrift: «Gnothi seauton», dies ist altgriechisch und bedeutet in etwa: «Erkenne dich selbst! », oder «Erkenne, was du bist! ».
Natürlich ist hier nicht das Ego gemeint, sondern unser wirklicher Kern. Gelingt es dem Ego Paroli zu bieten und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, dann sind dies die ersten Schritte auf einem langen anstrengenden Weg. Aber es lohnt sich so sehr, diesen zu gehen.
Denn man erlangt dabei geistige Unabhängigkeit und kann seinen Mitmenschen mit freiem und offenem Herzen begegnen.
Und das ist eine gänzlich andere Ausgangslage, als mit einer Tasse voller Vorurteile.
Das war jetzt ein weiter Bogen und ganz viel eigene Interpretation. Vielleicht interpretierst du, lieber Leser, die Geschichte ganz anders. Ich würde mich über Kommentare freuen!
In diesem Sinne wünsche ich euch ein achtsames Wochenende & bis bald.
Gnothi seauton auf Wikipedia.org
@captainloken